Was spricht für eine Spur-für-Spur-, was für eine Liveaufnahme?
Matthias Mees schrieb am 30.04.03 (Quoting von Thomas Blankenstein):
>> gibt es eine generelle Empfehlung, ob man Bands lieber (entsprechendes
>> Equipment vorausgesetzt) ihre Stücke direkt live einspielen lässt,
>> oder jedes Instrument bzw. jede Stimme einzeln (overdub)?
>
> IMHO ist das /äußerst/ subjektiv und von verschiedenen Faktoren
> abhängig. Insofern *kann* man da IMHO keine Pauschalempfehlung geben.
>
>> Mal abgesehen vom (nicht unerheblichen) Zeitfaktor - komplettes Album
>> in zwei Stunden einspielbar
>
> Theoretisch. Unterschätze das nicht. Es sei denn, Du sprichst gerade von
> einer Punkband..? ;-) Ernsthaft: Auch beim "live"-Einspielen kann es
> länger als die effektive Spielzeit dauern, selbst wenn die Band noch so
> gut eingespielt ist. Da kommen mitunter auch Faktoren wie Nervosität
> (die teure Studiozeit, Ogottogottogott!) usw. ins Spiel. YMMV. Oder es
> pennt mal jemand am Pult: "Super, Jungs, war perfekt! Müssen wir
> trotzdem nochmal machen, Band lief grad nicht..."
>
>> geht es mir hauptsächlich um die Vor- und Nachteile bezüglich Timing,
>> Gesamtklang und späterer Bearbeitungsmöglichkeiten.
>
> Timing kommt IMHO drauf an. Eine "Liveband" kann durchaus Vorteile
> daraus ziehen, miteinander einzuspielen. Der Haken ist natürlich in dem
> Falle der: Was auf Band ist, ist auf Band. Gilt auch für
> Timingfehler. Andererseits klingt eine Liveaufnahme für meinen Geschmack
> in so einem Fall meist "echter", lebendiger. YMMV.
>
> Der Idealfall ist natürlich der, daß man alles auf seperate Spuren legt
> und die Instrumentalisten trotz gemeinsamen Einspielens räumlich oder
> zumindest schalltechnisch so weit trennt, daß man möglichst wenig
> "Dreck" in den Einzelspuren hat. Leider ist das nicht immer möglich.
>
>> Gibt es Kompromisslöungen, also dass gewisse Klangsektionen
>> gleichzeitig einspielen und diese dann overdubbed werden?
>
> Siehe oben. Falls die Möglichkeit der Trennung nicht gegeben ist, finde
> ich persönlich es eine gute Alternative, nur die Instrumente gemeinsam
> einzuspielen und den Gesang seperat aufzunehmen. Ebenfalls eine IMHO
> gute Alternative ist es, Bass und Schlagzeug gemeinsam aufzunehmen,
> damit man ein gutes Fundament hat, und den Rest dann eben seperat. Zu
> guter Letzt gibt's noch die Variante, eine live eingespielt Pilotspur
> aufzunehmen und dann nochmal _alles_ seperat einzuspielen.
Erik Hüther ergänzte:
> Zunächst mal kommt es natürlich auch auf die Art Musik an, um
> die es geht. Für einen fetten Heavy-Metalsound würde ich die Gitarren
> auf jeden Fall doppeln, also am besten gleich einzeln einspielen.
>
> Desweiteren hört man beim Einzeln einspielen (sowohl als Musiker als
> auch Produzent) Timingfehler besser, als wenn man mit Band spielt.
> Trotzdem kann dabei trotz aller Timingfestigkeit ein wenig der Groove
> verloren gehen, wenn Du verstehst, was ich sagen will.
>
> Und nochmal, immer auch eine Soundfrage. Für einen richtig dreckigen
> Motörheadsound würde ich auf jeden Fall live einspielen wollen,
> höchstens Soli und Gesang als Overdub drauf und manche Passagen
> doppeln, soll's technisch anspruchvoller Art Rock werden, vielleicht
> gleich alles einzeln einspielen. Und für alles andere irgendwo
> dazwischen. :-)
>
> Und eine Frage des Anspruchs, live wird halt immer live klingen. Das
> kann aber durchaus gewünscht sein, s.o.
>
> Zeitmäßig wird live wahrscheinlich schneller gehen.
Hilfreiche Hinweise hatte Andreas Lobinger:
> So, und jetzt auch noch was hilfreiches:
>
> - Vorbereitung ist alles
>
> Wenn die Gruppe sowohl zusammen als auch einzeln ihr Material schon
> mal richtig spielen und interpretieren können, ist das mit der Aufnahme
> nicht mehr ganz so schwer.
>
> - Man kann sich nicht auf Technik verlassen
>
> (Damit meine ich jetzt nicht, daß grundsätzlich immer irgendwas nicht
> geht (obgleich es so ist)). Mit der Volldigitalisierung ist heuzutage
> eine Bearbeitung des Materials möglich, die vorher nicht mal denkbar war.
> z.B. Antares Autotune und Konsorten. Das kann richtig angewandt schon mal
> 1-3 Töne in einer Gesangsspur retten. Das Originalmaterial sollte allerdings
> schon mal soweit sein. Wenn der Sänger sagt, na ja die hohen Töne schiebm
> ma dann mitm Autotun, hat er ein ernsthaftes Realitätsproblem.
>
> - Dann brauchst du jemanden (einen), der weiß wie's klingen soll und das
> auch sagt
>
> Wenn schön ne Woche lang in großer Einigkeit dahin produziert worden
> ist und dann kurz vor dem Masteringtermin der Sänger sich plötzlich doch
> als Produzent sieht und gerne *alle* Akkustikgitarren ausgetauscht hätte...
>
> - Seid realistisch
>
> Eine Aufnahme ist eine Momentaufnahme des musikalischen Schaffens der
> Gruppe (klingt ganz schön abstrakt). Auch entgegen anderslautender
> Meinungen, kann kaum einer der hier anwesenden deutlich überhalb seines
> derzeitigen Niveaus agieren. Wenn's bei Cassettenrecodermitschnitten
> im Proberaum nicht rockt, dann rockt's auch nicht bei 32Spur digital
> jede Trommel einzeln aufgenommen. Es gibt natürlich Glückstreffer die
> schon mal in inspirierender Athmosphäre entstehen und damit zu
>
> - Seid nett zueinander
>
> Das ist sehr sehr ernst gemeint. Ich hab zu viele CD-Produktionen erlebt,
> die den Endpunkt des musikalischen Schaffens darstellten. Ihr seid
> alle Künstler, was nach nicht bestätigten Gerüchten bedeutet daß ihr
> ein bischen sensibler als die anderen seid.
Weitere sachdienliche Hinweise von Frank Hucklenbroich (Quoting auch hier von Thomas Blankenstein):
>> gibt es eine generelle Empfehlung, ob man Bands lieber (entsprechendes
>> Equipment vorausgesetzt) ihre Stücke direkt live einspielen lässt, oder
>> jedes Instrument bzw. jede Stimme einzeln (overdub)?
>
> In aller Regel wird Letzteres gemacht, weil es sonst oft zu unschönen
> Nebeneffekten bei der Aufnahme kommt (weil dann in den Gesangsspuren eben
> auch die Instrumente mit zu hören sind, das läßt sich später nicht mehr
> rausmischen).
>
> Oft behilft man sich auch mit einer "Pilotspur", auf der die wichtigsten
> Sachen zunächst mal aufgenommen werden "zur Orientiereung", die aber
> nachher wieder gelöscht wird, wenn man alles drumhereum "gebaut" hat.
>
> Das kann z.B. der Leadgesang und Gitarre zu einem Klicktrack sein, je nach
> Song. Dann wird jedes Instrument einzeln aufgenommen und zum Schluß eben
> auch die Instrumente der Pilotspur noch mal neu und sauber.
>
> Gesang kommt in aller Regel zum Schluß drüber, wenn die Instrumentalspuren
> im Kasten sind. Dann hat man auch keine unschönen Nebengeräusche in den
> Gesangsspuren drin (Saitenschnarren, Tastenklappern, etc.) und die Sänger
> können sich ganz aufs Singen konzentrieren und müssen nicht noch nebenbei
> ein Instrument spielen.
>
> Generell kann man außerdem bei Overdubs leicht kleine Fehlerchen
> korrigieren, was bei Live-Aufnahmen zumindest schwierig ist. Man muß nur
> aufpassen, daß nicht zu viel "Energie" verloren geht.
Stefan Machwirth schrieb am 01.05.03 dazu:
> Die Qualität der Overdubs ist zweifellos besser. Dennoch wird teilweise
> mit Live-Aufnahmen bzw. Registeraufnahmen gearbeitet. Diese Spuren
> bilden üblicherweise den "Piloten", also ein fertiges Playback. Wenn
> dieses steht, beginnen die Musiker mit ihren einzelnen Overdubs, so dass
> vom Live eingespielten Background immer mehr Spuren durch die Overdubs
> ersetzt werden.
>
> Die Vorteile für die Overdub-Verwendung für den endgültigen Mix liegen
> auf der Hand:
>
> 1. kein Übersprechen verschiedener Mikros
> 2. bei Equipmentmangel kann man seine Hardware komplett der einzelnen
> Stimme widmen
> 3. die Wahrscheinlichkeit eines Spielfehlers steigt mit der Anzahl der
> Musiker, die gerade aufnehmen. Manche Bands kommen live nicht fehlerfrei
> zusammen durch einen Song.
> 4. die Ablenkung bei Live-Einspielungen ist sehr groß.
> 5. durch die Lautstärke wird der Stressfaktor bei der Aufnahme erhöht
> und eine schnellere Gehörermüdung erreicht.
> 6. Live-Aufnahmen erfordern einen ziemlichen Noisegate-Aufwand, damit
> unbenötigte Spuren "stummschalten". Z.B. klingt es kacke, wenn der
> Snareteppich zum Bass oder zur Klampfe immer mitrasselt und dies auf
> Band bzw. HD kommt.
>
> Nichtsdestotrotz gibt es auch bei der Solo-Aufnahme in Overdub-Technik
> einige Nachteile, die nicht verschwiegen werden sollten:
>
> 1. Soll die Aufnahme nach Klick erfolgen, muss die Band klickfest sein.
> Dies ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, der zu selten geprobt
> wird. Vor allem Drummer haben beim Overdub oftmals Probleme, sich auf's
> Timing der Piloten zu konzentrieren. Das Ergebnis ist dann ein
> gebremstes Spiel ohne Dynamik, und eventuell laufen Overdub-Drums etwas
> neben dem Piloten, was für die nachfolgenden Overdubs wieder unglaublich
> verwirrend ist.
> 2. Manche Register (mehrere Stimmen gleicher Instrumentierung) nehmen
> besser mit Sichtkontakt gleichzeitig auf. Wenn zwei Vocalisten im Duett
> einen Sichtkontakt zum Wohlfühlen und als Inspiration brauchen, so
> spricht nichts dagegen, auch mal mehr als eine Spur im Overdub zu
> erstellen.