FAQ für de.rec.musik.machen: Wieso ist es aufwändig, ein Akkordeon selbst zu stimmen?

Wieso ist es aufwändig, ein Akkordeon selbst zu stimmen?

Erhard Schwenk malte am 18.07.03 folgendes Horrorszenario (Quoting von Erhard Schwenk und Achim Göbel):

>>> Ein Akkordeon zu stimmen ist wirklich und wahrhaftig definitiv eine
>>> Aufgabe für einen Fachmann. Ihr riskiert falsche Lösabstände (=
>>> ungleichmäßiges Ansprechen der Töne), abgebrochene oder anderweitig
>>> kaputte Stimmzungen (muß man austauschen, kann ins Geld gehen), kaputte
>>> Ventile und diverse andere Macken. Es ist definitiv nicht trivial.
>>
>> Die Sachen sind mir bewusst, die gibt es bei den Harps auch. Ich
>> stelle mir aber vor, daß die Lösabstände kniffliger (genauer)sein
>> könnten (müssten) als bei den Harps weil der Luftzug mechanisch
>> erzeugt wird. Die Materialstärken sagen mir aber, daß da es auch da
>> Toleranzen gibt ;-)
>> Frage: Wie aufwändig ist es eigentlich so ein Instrument zu
>> zerlegen? Viele Einzelteile oder große Segmente?
>
> Nunja, das kommt drauf an wie weit Du es zerlegst und was das für ein
> Instrument ist.
>
> Gehen wir mal von einem halbwegs aktuellen "Standard"-Instrument aus,
> wie es wohl die meisten Laien-Akkordeonisten spielen dürften, also
> Diskant 41 Tasten, 4-Chörig mit Cassotto und 120 Baßknöpfe in
> Standardbaß-Anordnung.
>
> Zunächst mal kann man das Instrument relativ einfach in große Teile
> zerlegen. Das Diskantverdeck ist in der Regel abnehmbar, den Balg
> kriegt man durch Ziehen der Balgnägel auf (vorsichtig, denn der muß
> dicht bleiben!) und natürlich kann man auch noch die Abdeckung über
> der Baßmechanik mit einigen Schrauben entfernen.
>
> Anschließend die Stimmstöcke ausbauen ist auch recht einfach, das sind
> dann 4 Stück im Diskant und je nach Ausstattung 2-3 im Baß. In der
> Regel sind die mit einer Schraube gesichert, wenn man die löst, kann
> man den Riegel zurückschieben und den ganzen Stimmstock herausnehmen,
> der ist dann im Prinzip eine große Mundharmonika aus Holz, bei der
> jede Stimmplatte einzeln mit Wachs aufgebracht wurde. Beim Ausbau ist
> aber Vorsicht angesagt, denn die müssen plan und dicht auf der Füllung
> sitzen, wenn man das Instrument jemals wieder spielen will.
>
> Jede weitere Zerlegung endet in hunderten von Einzelteilen und ist nur
> einem Fachmann zu empfehlen. Du hast auf der Diskantseite 41 Tasten
> mal zwei Stimmzungen (Zug + Druck) mal 4 Chöre = 328 Stimmplatten,
> ungefähr 250 davon sollten ventiliert sein. Auf der Baßseite dürften
> es ungefähr 200 Stimmplatten sein, alle ventiliert.
>
> Die Stimmplatten bestehen aus einem Rahmen aus Metall (Stahl oder
> Aluminium), auf den die Stimmzungen paarweise gegenläufig aufgenietet
> sind. Ist der Ton nicht allzu hoch, kommt außerdem noch ein
> Kunststoffventil mit drauf, das bei Luft in der Gegenrichtung
> schließt. Das Ganze ist höchste Präzisionsarbeit, der Luftspalt
> zwischen Zunge und Rahmen ist nur wenige tausendstel mm groß (je
> kleiner, desto teurer und besser spielbar das Instrument, bei
> Oberklasse-Instrumenten sind es laut Hersteller so 5 bis 12/1000mm,
> bei einer viel teureren Gola können es 3-5 sein, eine maschinell
> erzeugte Stimmplatte für billigere Instrumente liegt so bei 10-15).
>
> Diese Stimmplatten sind mit Wachs auf die aus Holz gefrästen (bei sehr
> teuren Instrumenten aus mehreren Holzteilen zusammengesetzten)
> Stimmstöcke lufticht aufgeklebt.
>
> Geht beim Stimmen eine Platte oder ein Ventil kaputt (passiert selbst
> Profis ab und zu, vor allem bei den hohen Tönen), muß man die
> Stimmplatte aus dem Wachs herausbrechen und mit dem Lötolben und/oder
> Wachslöffel eine neue auflegen. Das ist tierisch heikel, denn wenn das
> Wachs in eine der Stimmplatten läuft oder eines der Kunststoffventile
> verklebt, kann man gleich die nächste austauschen.
>
> Daneben gibts dann noch jede Menge Mechanik. Jede Taste muß
> z.B. gelagert werden, entweder auf Einzellagern oder auf einer oder
> zwei Achsen (mein Instrument hat z.B. zwei Achsen). Außerdem liegt
> unter jeder Taste noch eine Feder für die Rückstellung und eine
> Filzdämmung, die das Klappern verhindert. Daß alle Tasten gleich
> laufen, gleich hohen Hub haben und gleich definiert anschlagen ist
> ebenfalls nicht trivial zu erreichen.
>
> An jeder Diskant-Taste hängt direkt der Clavishebel, der einen oder
> zwei Arme haben kann, an denen dann die Klappen befestigt sind. Diese
> bestehen aus einer Lederauflage (wird mit der Zeit hart, muß man daher
> alle paar Jahre mal austauschen lassen, leider recht teuer) auf einem
> mehrschichtigen Träger (Filz und Metall) und ist mit Gummi oder Wachs
> am Hebel befestigt. Die Klappen müssen dicht schließen, was gerade bei
> den zweiarmigen Hebeln die Ausrichtung der Tastatur recht heikel
> machen kann.
>
> Schließlich gibts da noch die Baßmechanik, in der für jeden der 120
> Baßknöpfe mehrere Federn, Hebel und Achsen drin sind. Wenn man nicht
> ein mehrjähriges Puzzlespiel (es sind tatsächlich AFAIK über 1000
> Einzelteile) vorhat, läßt man davon am besten die Finger. Achja, und
> die Registermechanik ist auch noch da, nicht ganz so viele Teile, aber
> sie muß hakelfrei, leicht und präzise laufen. Die Registerschieber
> selbst müssen außerdem wieder luftdicht schließen.
>
> Also alles in allem: bei einem Uralt-Instrument, das ohnehin nicht
> mehr reparabel ist, kann man sich das schon mal vorsichtig
> anschauen. Aber ich wäre besonders bei der Baßmechanik sehr
> vorsichtig, irgendwelche Sicherungsstifte rauszuziehen, das könnte in
> einem Haufen Kleinstteile enden, die man nie wieder richtig
> zusammenkriegt. Die Federn stehen zum Teil unter Spannung und könnten
> einem auch noch ins Auge springen.
>
> Zum Stimmen selbst:
> Du brauchst einen Stimmbalg, eine Stimmplattenfeile, diverse Kratzer,
> Haken für die innenliegenden Stimmzungen und viel Geduld.
>
> Für jeden Ton gilt:
> Zunächst so registrieren, daß nur der zu stimmende Chor klingt.
>
> Diskantteil auf Stimmbalg setzen, Taste drücken, Luft geben, Tonhöhe
> kontrollieren.
>
> Stimmstock ausbauen und die Stimmzunge entsprechend dem Fehler
> bearbeiten. Innenliegende Stimmzungen muß man dazu mit einem Häkchen
> vorsichtig durch die Stimmplatte nach Außen ziehen - achtung, mit viel
> Gefühl, sonst Bruch!
>
> Danach Stimmstock wieder einbauen, Taste drücken, Tonhöhe kontrollieren.
>
> Diese Schritte so lange wiederholen, bis der Ton paßt. Dann nächsten
> Ton. Bei der Kontrolle muß man nicht nur die absolute Tonhöhe
> kontrollieren, sondern auch die Bezugstöne, da gibts so einige:
>
> Zug- und Druck-Stimmplatte müssen gleich hoch sein
> Die Quinten und Oktaven innerhalb des Chores sollen natürlich auch
> passen. Beim Tremolo muß die Schwebung auf allen Tönen des Registers
> gleich sein, ebenso auf Zug und auf Druck.
> Die Oktaven zu den anderen Registern müssen ebenfalls sauber sein.
>
> Schließlich muß jeder Ton gleich gut (oder schlecht) ansprechen und
> möglichst auch gleich laut sein (Letzteres erreicht man aber wohl
> wenns nicht hinhaut nur durch Stimmplattentausch).
>
> Und das Ganze wie gesagt alleine im Diskant 328 mal. Bei
> Cassotto-Instrumenten kommt zum Teil erschwerend hinzu, daß man immer
> zwei Stimmstöcke aus- und einsetzen muß, da man an den unteren nur
> rankommt wenn der obere weg ist.
>
> Läßt man das einen Profi in einer gut ausgestatteten Werkstatt machen,
> sitzt der da Stunden bis Tage dran und will am Ende so 500 bis 1500
> Euro dafür.